Bitcoin hat sich in den vergangenen Tagen spürbar von seinem jüngsten Tief erholt und wichtige Kursmarken zurückerobert. Nach dem Rücksetzer auf rund 57.700 Dollar kletterte die größte Kryptowährung zeitweise wieder über die Marke von 64.000 Dollar. Mehrere On-Chain-Indikatoren deuten inzwischen auf eine Verbesserung der Marktbedingungen hin. Dennoch warnen Analysten davor, die jüngste Aufwärtsbewegung bereits als Beginn eines neuen Bullenmarktes zu interpretieren.
CryptoQuant: Erholung spricht bislang nur für eine Bärenmarkt-Rallye
Nach Einschätzung des Analyseunternehmens CryptoQuant handelt es sich bei der aktuellen Kursbewegung bislang um eine klassische Erholung innerhalb eines Bärenmarktes. Zwar habe Bitcoin innerhalb weniger Tage rund zehn Prozent zugelegt und die psychologisch wichtige Unterstützung bei 60.000 Dollar zurückerobert, für eine nachhaltige Trendwende fehle jedoch weiterhin die notwendige Bestätigung.
Unterstützt werde die aktuelle Erholung unter anderem durch die saisonal starke Entwicklung im Juli. Historisch zählt der Monat zu den erfolgreichsten für Bitcoin. Besonders auffällig sei dieser Effekt in früheren Bärenmärkten gewesen: Während der Abwärtsphasen 2018 und 2022 legte Bitcoin im Juli jeweils rund 20 beziehungsweise 17 Prozent zu, obwohl sich der übergeordnete Abwärtstrend zunächst fortsetzte.
Nachfrageindikatoren hellen sich auf
Auch die On-Chain-Daten zeichnen inzwischen ein freundlicheres Bild. Die kombinierte Nachfrage aus Spot- und Futures-Markt hat sich nach dem massiven Einbruch Anfang Juni deutlich stabilisiert. Damals war die 30-Tage-Gesamtnachfrage laut CryptoQuant um rund 650.000 Bitcoin eingebrochen – der stärkste Rückgang seit dem Bärenmarkt 2022.
Mittlerweile nähert sich dieser Indikator wieder der Neutralzone an. Gleichzeitig ist die spekulative Nachfrage am Futures-Markt wieder leicht positiv, während sich auch der Rückgang der Spot-Nachfrage deutlich verlangsamt hat. Sollte die Gesamtnachfrage wieder in den positiven Bereich drehen, könnte dies laut CryptoQuant ein erstes Signal dafür sein, dass der Nachfragezyklus erneut an Fahrt gewinnt.
Auch die Nachfrage institutioneller US-Investoren scheint sich zu stabilisieren. Der Coinbase Premium Index, der häufig als Indikator für die Nachfrage auf US-Handelsplätzen genutzt wird, hat sich nach den starken Rückgängen Anfang Juni deutlich verbessert. Dies spricht dafür, dass der Verkaufsdruck institutioneller Anleger zuletzt nachgelassen hat.
Unterbewertung deutet auf mögliches Lokaltief hin
Ein weiteres positives Signal liefert die Bewertung des Marktes. Die unrealisierten Gewinne kurzfristiger Marktteilnehmer waren Anfang Juni auf mehr als minus 24 Prozent gefallen und lagen damit deutlich unter der von CryptoQuant definierten Unterbewertungsschwelle von minus zwölf Prozent.
Historisch gingen derart extreme Werte häufig mit lokalen Tiefpunkten einher, da viele kurzfristige Anleger in dieser Phase kapitulierten. Seit dem Tief bei rund 57.700 Dollar hat sich auch dieser Indikator wieder spürbar erholt.
Trotz dieser Verbesserungen mahnt CryptoQuant jedoch weiterhin zur Vorsicht. Der unternehmenseigene Bull Score Index, der verschiedene On-Chain-, Bewertungs- und Marktindikatoren kombiniert, liegt aktuell lediglich bei 20 Punkten. Erst Werte oberhalb von 60 Punkten sprechen nach Einschätzung der Analysten für einen nachhaltigen Bullenmarkt.
Bitwise: Dieser Bärenmarkt unterscheidet sich grundlegend von früheren Zyklen
Auch der Vermögensverwalter Bitwise sieht zwar erste Anzeichen einer Bodenbildung, bewertet den aktuellen Marktzyklus jedoch deutlich differenzierter als frühere Korrekturphasen.
Nach Angaben von Bitwise fragen institutionelle Investoren heute nicht mehr, ob Bitcoin langfristig überleben werde. Stattdessen gehe es zunehmend um konkrete Einstiegszeitpunkte und Positionsgrößen. Bereits investierte Großanleger nutzten den Kursrückgang vielfach zum schrittweisen Ausbau ihrer Positionen, während andere institutionelle Investoren vor allem auf mehr regulatorische Klarheit warten.
Nach Ansicht von Bitwise erklärt diese Entwicklung auch, weshalb der aktuelle Bärenmarkt vergleichsweise moderat ausfällt. Während Bitcoin 2018 rund 84 Prozent und 2022 etwa 78 Prozent unter sein jeweiliges Allzeithoch fiel, beträgt der aktuelle Rückgang bislang lediglich rund 50 Prozent. Mit jedem Marktzyklus steige die Preisuntergrenze, weil zunehmend professionelle Investoren an die Stelle kurzfristiger Spekulanten treten.
Mehrere klassische Bodenindikatoren schlagen an
Bitwise verweist gleichzeitig auf mehrere Signale, die in früheren Marktzyklen häufig in der Nähe eines Bärenmarktbodens auftraten.
Dazu zählen stark überverkaufte Momentum-Indikatoren, ein hoher Anteil von Bitcoin-Investoren mit Buchverlusten, eine erneute Akkumulation durch langfristige Halter sowie die massiven Abflüsse aus den Spot-Bitcoin-ETFs im Juni. Solche Kapitulationsphasen markierten in der Vergangenheit häufig die Endphase eines Bärenmarktes.
Makroökonomie bleibt größter Belastungsfaktor
Die eigentlichen Probleme sieht Bitwise derzeit jedoch weniger innerhalb des Kryptomarktes als vielmehr im makroökonomischen Umfeld.
Anhaltend hohe Inflation, die Erwartung länger hoher US-Zinsen sowie geopolitische Unsicherheiten bremsen derzeit die Risikobereitschaft vieler Investoren. Gleichzeitig fließen enorme Kapitalmengen in den KI-Sektor. Allein seit April verzeichneten ETFs auf Speicherchip-Hersteller Zuflüsse von rund zwölf Milliarden Dollar, während Spot-Bitcoin-ETFs im selben Zeitraum mehr als vier Milliarden Dollar verloren.
Langfristig erwartet Bitwise allerdings eine Gegenbewegung. Sobald die Bewertungen vieler KI-Unternehmen wieder sinken und sich die Fundamentaldaten von Bitcoin weiter verbessern, könnte ein Teil dieses Kapitals wieder in den Kryptomarkt zurückkehren.
Entspannung im Nahen Osten sorgt für Rückenwind
Kurzfristig profitierte Bitcoin zuletzt zusätzlich von einer Verbesserung der geopolitischen Stimmung. Nachdem US-Präsident Donald Trump erklärte, Iran habe Gespräche mit den Vereinigten Staaten über eine mögliche Einigung aufgenommen, nahmen die Sorgen über eine weitere Eskalation im Nahen Osten ab.
Die verbesserte Risikostimmung führte dazu, dass Anleger wieder verstärkt in Risikoanlagen investierten. Neben Bitcoin legten auch Ethereum und XRP spürbar zu.
Lyn Alden: Bitcoin muss sich langfristig selbst beweisen
Die bekannte Makroanalystin Lyn Alden warnt unterdessen davor, auf einzelne externe Auslöser für den nächsten Bullenmarkt zu hoffen. Bitcoin müsse sich langfristig aus eigener Stärke behaupten.
Nach ihrer Einschätzung befindet sich die Stimmung unter Bitcoin-Investoren aktuell auf dem niedrigsten Niveau des gesamten Marktzyklus – sogar pessimistischer als während des Bärenmarktes 2022. Dennoch sieht sie gerade darin einen wichtigen Unterschied zwischen kurzfristiger Marktstimmung und langfristigen Fundamentaldaten.
Für das laufende Jahr erwartet Alden zwar kein neues Allzeithoch mehr. Sollte Bitcoin jedoch keine neuen Tiefs mehr markieren und stattdessen in eine stabile Seitwärtsphase übergehen, könnte dies ihrer Ansicht nach bereits den Grundstein für den nächsten langfristigen Aufwärtstrend legen.