Die Erholung des Bitcoin-Kurses gerät erneut ins Stocken. Nachdem die Kryptowährung in der vergangenen Woche die psychologisch wichtige Marke von 60.000 Dollar verteidigen konnte, scheiterte sie zuletzt mehrfach an einem Anstieg über 64.000 Dollar. Gleichzeitig verdichten sich die Warnsignale aus verschiedenen On-Chain- und Bewertungsmodellen, die auf eine mögliche Ausweitung der laufenden Korrektur hindeuten.
Am Dienstag geriet Bitcoin erneut unter Verkaufsdruck und fiel zeitweise um mehr als ein Prozent. Marktbeobachter verweisen dabei auf eine Kombination aus charttechnischen Widerständen, makroökonomischer Unsicherheit und einer weiterhin zurückhaltenden Risikobereitschaft der Anleger. Besonders im Fokus steht nun die Zone zwischen 60.000 und 65.000 Dollar, die zunehmend zur entscheidenden Richtungsentscheidung für den weiteren Verlauf wird.
65.000 Dollar bleibt die Hürde für die Bullen
Nach Einschätzung mehrerer Analysten müsste Bitcoin zunächst die Marke von 65.000 Dollar zurückerobern, um eine nachhaltigere Erholung einzuleiten. Der Bereich fungierte nach dem Einbruch im Februar zunächst als Unterstützung und hat sich inzwischen zu einem hartnäckigen Widerstand entwickelt. Ein Ausbruch darüber könnte nach Ansicht einiger Marktstrategen den Weg in Richtung 72.000 bis 74.000 Dollar freimachen.
Davon ist der Markt derzeit jedoch noch entfernt. Die jüngste Erholung nach dem Rückgang bis auf 59.100 Dollar konnte bislang keine neue Dynamik entfalten. Stattdessen bewegt sich Bitcoin weiter in einer engen Handelsspanne und reagiert empfindlich auf makroökonomische Nachrichten sowie Veränderungen bei den Zinserwartungen.
Gleichzeitig erkennen technische Analysten zunehmend Parallelen zu früheren Bärenmarktphasen. So wurden zuletzt sowohl eine wichtige Dreiecksformation als auch der 50-Monats-Durchschnitt nach unten durchbrochen – Muster, die bereits in den Bärenmärkten 2018 und 2022 vor weiteren Kursverlusten zu beobachten waren. Sollte sich dieser Ausbruch bestätigen, könnte sich die Abwärtsdynamik nochmals beschleunigen.
Mehrere Modelle verweisen auf eine mögliche Zielzone um 50.000 Dollar
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhalten derzeit verschiedene On-Chain-Indikatoren, die bemerkenswert ähnliche Kursbereiche als potenzielle Unterstützungszonen identifizieren. Das Produktionskostenmodell von Capriole Investments zeigt, dass Bitcoin aktuell nahe seiner durchschnittlichen Förderkosten von rund 62.650 Dollar handelt. Historisch erwies sich diese Zone zwar häufig als langfristige Unterstützung, bei stärkeren Bärenmärkten fiel der Kurs jedoch oftmals bis in den Bereich der reinen Stromkosten der Miner zurück. Diese liegen derzeit bei etwa 50.000 Dollar.
Ein ähnliches Bild liefert das MVRV-Modell von Glassnode. Bitcoin notiert inzwischen unterhalb seiner unteren Bewertungszone, während die nächste bedeutende „Deep-Value“-Region ebenfalls im Bereich von 50.000 Dollar verläuft. Hinzu kommt der sogenannte Realized Price – der durchschnittliche Einstandspreis aller Bitcoin-Investoren –, der aktuell bei rund 53.600 Dollar liegt. Historisch markierte Bitcoin seine zyklischen Tiefpunkte meist erst nach einer Phase deutlich unterhalb dieses Niveaus.
Die Überschneidung mehrerer Bewertungsmodelle zwischen 50.000 und 53.600 Dollar macht diesen Bereich für viele Analysten zur wichtigsten potenziellen Unterstützungszone eines fortgesetzten Bärenmarktes.
Makro-Risiken treffen auf hohe Liquiditätsreserven
Belastend wirkt derzeit vor allem das makroökonomische Umfeld. Robuste US-Arbeitsmarktdaten haben die Erwartungen an baldige Zinssenkungen erneut gedämpft und die Renditen amerikanischer Staatsanleihen auf erhöhtem Niveau gehalten. Gleichzeitig reagiert Bitcoin weiterhin empfindlich auf geopolitische Entwicklungen. Zwar sorgten neue Hoffnungen auf eine diplomatische Annäherung zwischen den USA und Iran zuletzt für sinkende Ölpreise, doch der Kryptomarkt konnte daraus bislang keinen nachhaltigen Rückenwind ziehen.
Interessanterweise sehen einige Marktbeobachter die aktuelle Schwäche nicht ausschließlich negativ. Der Vermögensverwalter Bitwise argumentiert, dass Bitcoin häufig als Frühindikator für Veränderungen der globalen Liquiditätsbedingungen fungiert und Risiken oft früher einpreist als traditionelle Aktienmärkte. Während Technologiewerte und internationale Aktienindizes inzwischen ebenfalls unter Druck geraten, könnte Bitcoin bereits einen Großteil dieser Anpassung vollzogen haben.
Für dieses Szenario spricht auch die weiterhin hohe Liquidität innerhalb des Kryptomarktes. Auf Handelsplattformen liegen nach wie vor Stablecoins im Wert von rund 72 Milliarden Dollar. Gleichzeitig signalisiert der Stablecoin Supply Ratio Index eine historisch niedrige Bewertung von Bitcoin im Verhältnis zur verfügbaren Kaufkraft. In früheren Marktzyklen gingen vergleichbare Werte häufig längeren Akkumulationsphasen und späteren Aufwärtsbewegungen voraus.
Damit bleibt die Lage widersprüchlich: Kurzfristig sprechen zahlreiche technische Faktoren für Vorsicht und ein mögliches Abrutschen in Richtung 50.000 Dollar. Gleichzeitig deuten Liquiditätsdaten darauf hin, dass erhebliche Kaufkraft an der Seitenlinie wartet. Ob Bitcoin tatsächlich einen weiteren Ausverkauf erlebt oder bereits die Grundlage für die nächste Erholungsphase legt, dürfte sich daher vor allem an den Marken von 60.000 und 65.000 Dollar entscheiden.