Die Schweiz und das Vereinigte Königreich haben am 13. Juli 2026 den Abschluss der Verhandlungen über ein modernisiertes Freihandelsabkommen (FTA) bekannt gegeben. Bundespräsident Guy Parmelin und der britische Handelsminister Peter Kyle verkündeten den Durchbruch anlässlich eines Treffens in Bern. Was auf den ersten Blick wie klassische Handelsdiplomatie wirkt, hat es für die digitale Wirtschaft — und damit auch für das Schweizer Krypto- und Blockchain-Ökosystem — in sich. Denn im Zentrum des Abkommens stehen nicht Käse und Uhren, sondern Dienstleistungen, Daten und digitale Wertschöpfung.
Vom «Mind the Gap» zur strategischen Partnerschaft
Zur Einordnung: Nach dem Brexit hatten Bern und London mit dem sogenannten «Mind the Gap»-Ansatz zunächst nur den Status quo der Handelsbeziehungen gesichert, die zuvor über die EU-Verträge liefen. Seit 2023 verhandelten beide Länder über eine echte Modernisierung. Das Resultat geht nun deutlich über die blosse Bestandssicherung hinaus: Das neue Abkommen umfasst Dienstleistungshandel, Investitionen, Personenmobilität, digitalen Handel, Finanzdienstleistungen, Telekommunikation, öffentliches Beschaffungswesen und geistiges Eigentum.
Die britische Regierung spricht vom bedeutendsten Dienstleistungsabkommen, das das Vereinigte Königreich je abgeschlossen hat, und rechnet langfristig mit zusätzlichen britischen Dienstleistungsexporten in die Schweiz von rund 5,2 Milliarden Pfund pro Jahr. Für die Schweiz wiederum ist das UK einer der wichtigsten Handelspartner überhaupt — und London bleibt trotz Brexit das führende Finanzzentrum Europas.
Das geopolitische Signal ist unübersehbar: Zwei der grössten europäischen Volkswirtschaften ausserhalb der EU vertiefen ihre Partnerschaft und setzen in einem zunehmend fragmentierten Handelsumfeld bewusst auf offene Märkte und verlässliche Regeln.
Das Herzstück für die Digitalbranche: Freier Datenfluss, keine Datenlokalisierung
Für Krypto-Unternehmen, Fintechs und digitale Plattformen ist das Digitalkapitel der eigentliche Gamechanger. Bereits heute werden über 70 Prozent des Dienstleistungshandels zwischen den beiden Ländern digital abgewickelt. Das Abkommen enthält nach britischen Angaben das umfassendste Digitalkapitel, das das UK je in einem FTA vereinbart hat — und die Kernpunkte lesen sich wie eine Wunschliste der Branche:
Garantierter freier Datenfluss: Beide Seiten verpflichten sich, dass Daten weiterhin ungehindert über die Grenze fliessen können, abgesichert durch die bestehenden Datenschutzregime beider Länder. Für Unternehmen, die verteilte Infrastrukturen betreiben — von Krypto-Börsen über Custody-Anbieter bis zu Zahlungsdienstleistern — ist das eine zentrale Planungsgrundlage.
Verbot künftiger Datenlokalisierungspflichten: Das Abkommen garantiert, dass keine der beiden Seiten künftig ungerechtfertigte Beschränkungen des Datenflusses einführen darf — inklusive Vorschriften, wonach Daten zwingend im Inland gespeichert werden müssten. Gerade für Blockchain-Infrastruktur, die per Definition dezentral und grenzüberschreitend funktioniert, ist diese Rechtssicherheit Gold wert.
Wie relevant das in der Praxis ist, zeigt die Reaktion von Wise: Der Zahlungsdienstleister betont, dass nahtlose grenzüberschreitende Datenflüsse für das internationale Bewegen und Verwalten von Geld essenziell seien. Was für Fiat-Zahlungsdienstleister gilt, gilt für Krypto-Finanzdienstleister erst recht.
Finanzplatz zu Finanzplatz: Ergänzung zum Berne Financial Services Agreement
Das FTA steht nicht allein. Es ergänzt das Berne Financial Services Agreement, das die gegenseitige Anerkennung der Finanzmarktregulierung zwischen der Schweiz und dem UK regelt und bereits als Blaupause für die Zusammenarbeit zweier hochentwickelter Finanzplätze gilt. Zusammen bilden die beiden Abkommen einen Rahmen, der London und Zürich/Genf enger verzahnt als je zuvor seit dem Brexit.
Für die Krypto-Branche ist das aus mehreren Gründen interessant. Erstens konkurrieren und kooperieren beide Länder bei der Regulierung digitaler Vermögenswerte: Die Schweiz hat mit dem DLT-Gesetz und dem «Crypto Valley» früh Standards gesetzt, das UK arbeitet an einem eigenen Regime für Kryptoassets und Stablecoins. Ein stabiler bilateraler Rahmen erleichtert es Unternehmen, in beiden Jurisdiktionen präsent zu sein, statt sich für eine entscheiden zu müssen. Zweitens sichert das Abkommen erstmals zu, dass künftige Marktöffnungen der Schweiz in bestimmten Sektoren nicht mehr rückgängig gemacht werden können — ein sogenannter Ratchet-Mechanismus, der Planungssicherheit über Legislaturperioden hinweg schafft.
Talent-Mobilität: Entwickler und Spezialisten reisen leichter
Ein chronischer Engpass der Branche ist der Zugang zu Fachkräften. Auch hier liefert das Abkommen Substanz: Britische Dienstleistungserbringer können künftig bis zu 90 Tage pro Jahr visumfrei in der Schweiz arbeiten, konzerninterne Transfers zwischen UK- und Schweizer Büros sind für bis zu fünf Jahre ohne strenge wirtschaftliche Bedarfsprüfung möglich. Umgekehrt können britische Unternehmen Schweizer Spezialisten über eine neue, visumfreie Kurzzeitroute für bis zu drei Monate kurzfristig ins UK holen.
Für Krypto- und Tech-Firmen mit Teams in Zug, Zürich und London — ein durchaus verbreitetes Setup — bedeutet das: weniger Bürokratie beim Deployment von Entwicklern, Compliance-Spezialisten und Beratern über die Grenze hinweg. Dazu kommen erleichterte Bewilligungen für Berufseinsteiger in Finanz-, Versicherungs- und Beratungsberufen sowie die Ankündigung, dass britische Reisende voraussichtlich ab Ende 2026 die eGates am Flughafen Zürich nutzen können. Auch das geplante Ende der Roaming-Zuschläge zwischen beiden Ländern ist für Vielreisende der Branche eine willkommene Randnotiz.
Weniger Hürden für Startups und KMU
Bemerkenswert sind zudem die Erleichterungen für kleinere Unternehmen. Britische Firmen müssen künftig keine Backoffice-Funktionen mehr in der Schweiz ansiedeln und benötigen nicht mehr zwingend mehrere Schweizer Verwaltungsräte in ihrer Tochtergesellschaft. Reduzierter Papierkram und Erleichterungen bei digitalen Zahlungen sollen insbesondere skalierenden Tech-Unternehmen den Markteintritt vereinfachen. Das senkt die Eintrittsschwelle in beide Richtungen — auch für Schweizer Krypto-Startups, die den britischen Markt ins Auge fassen.
Hinzu kommt ein gestärkter Schutz des geistigen Eigentums, der über bisherige Schweizer Zusagen hinausgeht. Für Software-, Protokoll- und Content-Entwickler bedeutet das zusätzliche Sicherheit, dass ihre Arbeit in beiden Märkten geschützt bleibt.
Einordnung: Was jetzt kommt — und was noch offen ist
Bevor die Champagnerkorken knallen, ein Realitätscheck: Abgeschlossen sind bislang die Verhandlungen, nicht das Abkommen selbst. Nach der rechtlichen Bereinigung streben beide Seiten die Unterzeichnung noch im Laufe des Jahres 2026 an. Danach folgen die innerstaatlichen Genehmigungsverfahren — in der Schweiz also die parlamentarische Beratung und gegebenenfalls ein fakultatives Referendum. Bis die Bestimmungen tatsächlich in Kraft treten, dürfte es noch dauern.
Auch inhaltlich bleiben Fragen offen. Der finale Vertragstext liegt noch nicht vor, und wie weit die Digitalbestimmungen im Detail reichen — etwa bei der Behandlung von Kryptoassets, Stablecoins oder tokenisierten Wertpapieren — wird sich erst dann zeigen. Explizite Krypto-Bestimmungen sind aus den bisherigen Ankündigungen nicht ersichtlich; die Branche profitiert vorerst indirekt über die Kapitel zu Digitalhandel, Finanzdienstleistungen und Mobilität.
Dennoch: Die Richtung stimmt. In einer Zeit, in der Datenlokalisierung, Kapitalverkehrskontrollen und regulatorische Fragmentierung weltweit zunehmen, vereinbaren zwei der wichtigsten Finanz- und Innovationsstandorte Europas verbindlich das Gegenteil — offene Datenflüsse, Marktzugang und Rechtssicherheit. Für den Krypto-Standort Schweiz, der von internationaler Vernetzung lebt, ist das eine gute Nachricht.
Quellen:
🇬🇧 https://www.gov.uk/government/news/uk-switzerland-fta-top-benefits
🇨🇭 https://www.wbf.admin.ch/de/newnsb/gGm5vA3MQQ53SYEKbm3VL
bitcoinnews.ch