Die Bitcoin-Treasury-Strategie gilt für viele Unternehmen als Hebel, um vom langfristigen Wertversprechen digitaler Assets zu profitieren. Doch der Fall Kindly MD zeigt, wie schmal der Grat zwischen ambitionierter Vision und kapitalmarktgetriebener Realität sein kann. Der Aktienkurs des Unternehmens ist massiv eingebrochen, nun droht sogar ein Delisting von der Nasdaq. Die zentrale Frage lautet: Handelt es sich um eine vorübergehende Marktverwerfung – oder um strukturelle Schwächen eines noch jungen Bitcoin-Treasury-Modells?
Bitcoin-Treasury unter Druck: Nasdaq-Delisting bei Kindly MD
KindlyMD steht vor einer formalen Bewährungsprobe. Die Nasdaq hat das Unternehmen verwarnt, nachdem der Aktienkurs unter die Mindestschwelle von 1 US-Dollar gefallen ist. Zuletzt notierte die Aktie bei rund 0,38 US-Dollar und damit deutlich unter den Anforderungen für eine weitere Börsennotierung.
Um ein Delisting zu vermeiden, muss Kindly MD bis spätestens Juni 2026 an mindestens zehn aufeinanderfolgenden Handelstagen einen Schlusskurs von mindestens 1 US-Dollar erreichen. Die Börse behält sich zudem vor, eine längere Stabilisierung zu verlangen. Für das Unternehmen beginnt damit ein Wettlauf gegen die Zeit – unter den Augen eines zunehmend skeptischen Marktes.
Vom Hoffnungsträger zum Kurssturz
Noch im Sommer schien die Richtung klar: Nach der Fusion mit Nakamoto Holdings im August positionierte sich Kindly MD neu als Bitcoin-Treasury-Unternehmen. Der Markt reagierte zunächst positiv, der Kurs stieg zeitweise auf über 25 US-Dollar und nährte Erwartungen an ein langfristiges Bitcoin-Narrativ.
"I expect half of DATs [digital-asset treasury firms] to consolidate by next year." @DavidFBailey, the CEO & Chairman of KindlyMD and connected to various DATs, is the man credited with converting President Donald Trump into a crypto believer. He speaks on "Bloomberg Crypto"… pic.twitter.com/k9TKHZV3Ua
— Bloomberg TV (@BloombergTV) December 9, 2025
Doch die Euphorie hielt nicht lange. Innerhalb weniger Monate verlor die Aktie rund 99 Prozent vom Jahreshoch. Der rasante Absturz verdeutlicht, wie schnell Vertrauen kippen kann, wenn strukturelle Faktoren stärker wirken als strategische Visionen – insbesondere in einem ohnehin volatilen Umfeld rund um Bitcoin-nahe Geschäftsmodelle.
PIPE-Finanzierung als strukturelles Risiko
Ein zentraler Belastungsfaktor war die Finanzierung des Unternehmens. Kindly MD sammelte rund 563 Millionen US-Dollar über eine PIPE-Struktur ein, bei der Aktien mit deutlichen Abschlägen an private Investoren ausgegeben wurden. Diese Konstruktion brachte zwar kurzfristig Kapital, erhöhte jedoch den Verwässerungsdruck erheblich.
Als ein großer Teil dieser zuvor gesperrten Aktien im September freigegeben wurde, setzte massiver Verkaufsdruck ein. CEO David Bailey sprach offen davon, dass sich kurzfristig orientierte Investoren aus dem Papier zurückziehen könnten. Der Markt reagierte entsprechend – mit anhaltenden Abgaben und sinkender Bewertung.
Operative Unsicherheiten nach dem Nakamoto-Merger
Zusätzlich zur Finanzierung sorgte der Zusammenschluss mit Nakamoto Holdings operativ für Reibung. Im November musste Kindly MD die Veröffentlichung der Q3-Zahlen verschieben. Als Begründung nannte das Unternehmen komplexe buchhalterische Anforderungen infolge der Fusion.
Solche Verzögerungen wirken in einem ohnehin angespannten Marktumfeld verstärkend auf Unsicherheit. Für Investoren stellt sich weniger die Frage nach einzelnen Quartalen, sondern nach der Fähigkeit des Unternehmens, seine Bitcoin-Treasury-Strategie auch operativ sauber umzusetzen.
Bitcoin-Bestand und Bewertungsdiskrepanz
Bemerkenswert ist die wachsende Lücke zwischen Substanz und Börsenwert. Kindly MD hält aktuell 5.398 Bitcoin, die zum aktuellen Marktpreis rund 470 Millionen US-Dollar wert sind. Die Marktkapitalisierung des Unternehmens liegt jedoch nur bei etwa 256 Millionen US-Dollar.
Diese Diskrepanz deutet darauf hin, dass der Markt nicht nur den Bitcoin-Bestand bewertet, sondern vor allem Risiken in der Kapitalstruktur und im Geschäftsmodell einpreist. Bitcoin allein reicht nicht aus, wenn Vertrauen in Governance, Finanzierung und Cashflow fehlt.
Bitcoin-Treasury im Vergleich: Strategy als Referenz
Ein Blick auf Strategy, ehemals MicroStrategy, zeigt, wie unterschiedlich der Markt ähnliche Modelle bewertet. Strategy gilt als Pionier der Bitcoin-Treasury-Strategie und hält mit über 670.000 BTC ein Vielfaches des Bestands von Kindly MD. Auch die Aktie von Strategy steht zuletzt unter Druck und verzeichnete im laufenden Jahr deutliche Rückgänge.
Langfristig bleibt die Bilanz jedoch klarer: Seit Beginn der Bitcoin-Käufe im Jahr 2020 hat die Strategy-Aktie mehrere hundert Prozent zugelegt. Der Unterschied liegt weniger im Asset als in der Kapitalmarktstrategie. Strategy baute seine Position schrittweise auf und vermied extreme Verwässerung – ein Faktor, der Vertrauen geschaffen hat.
Transparenz als Vertrauensfaktor: Strategy und Michael Saylor
Ein weiterer Unterschied zwischen KindlyMD und Strategy liegt in der Kommunikation. Strategy setzt seit Jahren auf eine außergewöhnlich hohe Transparenz gegenüber dem Markt. Bitcoin-Käufe, Finanzierungsrunden und strategische Entscheidungen werden zeitnah, konsistent und nachvollziehbar kommuniziert. Diese Offenheit hat dazu beigetragen, dass Investoren die teils aggressive Bitcoin-Strategie besser einordnen können – selbst in Phasen hoher Volatilität.
Eine zentrale Rolle spielt dabei Michael Saylor selbst. Über Social Media, öffentliche Auftritte und Interviews prägt er aktiv das Narrativ rund um Bitcoin und die Rolle von Strategy. Diese dauerhafte Präsenz schafft Wiedererkennbarkeit und Vertrauen, während sie zugleich Erwartungsmanagement betreibt. Kindly MD fehlt bislang eine vergleichbare kommunikative Verankerung am Kapitalmarkt.
₿uilt For This pic.twitter.com/fEPn4IUlFI
— Michael Saylor (@saylor) December 17, 2025
Cashflow-Pläne und offene Fragen
Um die Abhängigkeit vom Kapitalmarkt zu reduzieren, plant CEO David Bailey, Bitcoin Magazine und die Bitcoin Conference unter dem Dach von Nakamoto Holdings zu bündeln. Ziel ist es, stabileren operativen Cashflow zu generieren und die Treasury-Strategie abzusichern.
Ob diese Pläne ausreichen, um das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen, bleibt offen. Kurzfristig steht die Kursstabilisierung im Fokus, langfristig die Frage, ob Kindly MD den Übergang von einer aggressiven Bitcoin-Wette zu einem nachhaltigen Geschäftsmodell schafft.
coin-update.de