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Cardano und Solana: Die Schwächen der On-Chain-Governance

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Cardano und Solana testen ihre On-Chain-Governance derzeit im Ernstfall. Bei Cardano droht eine Blockade des Verfassungsausschusses mangels Beteiligung, bei Solana kollidiert die erste grosse Abstimmung mit einer widersprüchlichen Quorum-Regel.

On-Chain-Governance heisst, dass Token-Halter oder Validatoren direkt über Protokolländerungen abstimmen, öffentlich einsehbar und ohne Umweg über ein Kernteam. Cardano verteilt diese Entscheidung auf drei getrennte Gremien, Solana auf den delegierten Stake seiner Validatoren. Cardanos Modell folgt seit der Voltaire-Ära dem Standard CIP-1694. Zudem brauchen die meisten Beschlüsse dort die Zustimmung von mindestens zwei der drei Gremien. Vergleichsweise jung ist Solanas Variante. Sie ging im Juli 2026 in Betrieb, mit einer Eintrittsschwelle von 100'000 $SOL Stake für Einreichungen. Die Zustimmung der Cardano-DReps liegt bei 43.0%, nötig sind 67%. In Solanas Zählung standen 83.66 Mio. $SOL hinter dem umstrittensten Vorschlag. Ob das Quorum erfüllt ist, hängt allerdings davon ab, welche Regel gilt.

Cardano riskiert eine Governance-Blockade vor der Frist am 1. September

Der Vorschlag zur Erneuerung des Constitutional Committee braucht zwei voneinander unabhängige Mehrheiten. Einerseits müssen die delegierten Repräsentanten, kurz DReps, auf 67% Zustimmung kommen, andererseits die Stake-Pool-Operatoren auf 51%. DReps sind gewählte Vertreter, an die ADA-Halter ihr Stimmrecht abtreten. Die SPOs betreiben die Pools, über die das Netzwerk seine Blöcke produziert. Zuletzt standen die DReps bei 51.7%, die SPOs hingegen bei 10.8%. Beide Gruppen müssen ihre Schwelle einzeln erreichen. Eine hohe Beteiligung der einen kompensiert somit kein Defizit der anderen.

Der Trend zeigt zunächst nach oben. Mitte August lagen die DReps bei 32.46% und die SPOs bei 1.95%, vier Tage später bei 37.9% und 7.93%. Bis zum jüngsten Stand kletterten die Werte auf 51.7% und 10.8%. Die Lücken bleiben allerdings gross: rund 15 Prozentpunkte bei den DReps, rund 40 Prozentpunkte bei den SPOs. Viel Zeit zum Aufholen bleibt nicht, denn die Ersatzwahl muss bis zum 1. September 2026 on-chain in Kraft treten. Die Nominierten stehen seit einer Off-Chain-Wahl fest, die On-Chain-Action läuft ausserdem bereits seit Ende Juli.

Bisheriges Resultat der Cardano-Governance-Abstimmung / Quelle: Cardano Govtool

Vier der sieben Amtszeiten im Committee laufen aus. Scheitert die Abstimmung, bleiben nur drei Mitglieder im Amt. Das Gremium prüft, ob Governance-Aktionen mit der Cardano-Verfassung vereinbar sind. Dafür braucht es nach den berichteten Regeln mindestens fünf aktive Sitze. Die Blockproduktion läuft dennoch normal weiter, das Netz verarbeitet Transaktionen wie bisher. Stillstehen würden dagegen Hard Forks, Änderungen an Protokollparametern, Verfassungsänderungen und Auszahlungen aus der Treasury. Intersect, die Mitgliederorganisation hinter Cardanos Entwicklung, warnt zudem vor technischen Folgen. Eine ausbleibende Ratifizierung könnte laut ihrem Wochen-Update den Zeitplan des Dijkstra-Hard-Forks treffen.

Solanas Quorum-Regel widerspricht sich selbst

Solanas erstes Abstimmungspaket umfasst drei Vorschläge: SGP-0001 zur Verfassung, SGP-0002 zur Disinflation und SGP-0003 zu den Gebühren. Das Fenster läuft bis zum Ende von Epoch 1023 am 27. August 2026. Im Snapshot des Vortags entfielen 83.66 Mio. $SOL auf Zustimmung und 12.01 Mio. auf Ablehnung. Auf Enthaltungen kamen weitere 8.32 Mio., insgesamt rund 104 Mio. $SOL. Unter den entscheidenden Stimmen ergibt das somit eine Zustimmung von 87.45%.

Strittig ist deshalb nicht die Mehrheit, sondern das Quorum. Die Governance-FAQ von Solana verlangt eine Beteiligung von einem Drittel des Netzwerk-Stake, dazu zwei Drittel Zustimmung der teilnehmenden Stimmen. Berichten zufolge nennt das Proposal-Repository der Solana Foundation auf GitHub jedoch gar kein Quorum. Es definiert die Schwelle als zwei Drittel von Dafür plus Dagegen, ohne Enthaltungen. Nach der Repository-Regel erreicht SGP-0002 die Schwelle. Gemessen an der FAQ liegt die Beteiligung hingegen unter der Ein-Drittel-Linie. Der erste grosse Testlauf endet folglich in einer offenen Auslegungsfrage.

Materiell geht es um die Emission. SGP-0002 würde die jährliche Disinflation von 15% auf 30% beschleunigen. Den Terminalwert von 1.5% erreicht das Netzwerk dann in rund 2.8 statt 5.7 Jahren. Über sechs Jahre entstünden dadurch rund 18.9 Mio. $SOL weniger, zum aktuellen Kurs etwa 1.91 Mrd. USD. Unmittelbar ändert sich jedoch nichts, denn der Vorschlag legt nur die Richtung fest. Die technische Umsetzung müsste später über SIMD-0550 folgen. 308 Delegatoren überschrieben ausserdem die Stimme ihres Validators für den eigenen Stake-Account, gemessen an der Gesamtzählung ein kleines Volumen.

Solana Company stimmt gegen die eigene Einnahmequelle

Solana Company hält $SOL als Bilanzreserve und betreibt gleichzeitig eigene Validatoren. Das an der Nasdaq als HSDT notierte Unternehmen legte seine Positionen schon vor dem Abstimmungsfenster offen. Es stimmte gegen SGP-0002 und SGP-0003, für SGP-0001. Folglich stellt sich einer der sichtbarsten institutionellen Halter gegen eine schnellere Disinflation.

Der Grund steht in der eigenen Erfolgsrechnung. Im zweiten Quartal 2026 stammten 2.512 Mio. USD von 2.526 Mio. USD Gesamterlös aus Staking. Das entspricht also rund 99.4% des Quartalsumsatzes. Eine beschleunigte Disinflation senkt die Emission und damit auch den Staking-Ertrag. Das Unternehmen entscheidet daher über eine Regel, die seine Haupteinnahmequelle unmittelbar betrifft. Genau darin liegt der strukturelle Interessenkonflikt stake-gewichteter Governance. Wer den grössten Stake kontrolliert, hat häufig auch das grösste wirtschaftliche Interesse am Status quo.

Die Ablehnung begründet der Betreiber nicht mit dem Ziel einer tieferen Emission, sondern mit dem Verfahren. Ein Wiederaufrollen des bereits deterministisch festgelegten Emissionsplans schaffe Unsicherheit. Der Staking-Ertrag sei ferner ein testierter Bilanzposten und für viele Halter operativer Cashflow. Alle drei Positionen hat das Unternehmen in einer eigenen Mitteilung dokumentiert.

"Wir glauben stark daran, dass institutionelle Adoption ein wesentlicher Treiber für Solanas Wachstum ist, und Institutionen treffen Entscheidungen auf Basis konsistenter, vorhersehbarer Strukturen." - Joseph Chee, Chairman und CEO, Solana Company

Zwei Governance-Modelle, eine gemeinsame Schwachstelle

Architektonisch haben die beiden Systeme wenig gemeinsam. Bei Cardano stimmen DReps und SPOs nach Stake ab, das Constitutional Committee dagegen nach Köpfen. Zwei der drei Gremien müssen zustimmen, was insgesamt breite Beteiligung erzwingt. Solana bündelt die Entscheidung bei den Validatoren, die standardmässig mit dem ihnen delegierten Stake stimmen. Einzelne Staker können die Vorgabe ihres Validators weiterhin pro Stake-Account überschreiben, ihr Anteil fällt dann aus der Validator-Zählung.

An der Technik scheitert trotzdem keines der beiden Verfahren. Cardano fehlt schlicht die Beteiligung, obwohl die Regeln seit Monaten feststehen und die Frist bekannt ist. Solana hat zwar Stimmen in relevantem Umfang, dennoch fehlt eine eindeutige Regel dafür, wann sie ausreichen. Beide Muster kennt die klassische Aktionärsdemokratie ebenfalls: Apathie an der Basis, dazu grosse Stimmblöcke mit eigenem Interesse. Die Verpackung ist neu, das Problem nicht.

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