Cramers Aussage und der Auslöser
Am 30. Juli fragte Cramer IBM-Chef Arvind Krishna in einem Fernsehgespräch, ob Quantenmaschinen die mathematischen Grundlagen von Kryptowährungen knacken könnten. Krishnas Antwort war eindeutig: „Ich denke, Sie sollten sich drei oder vier Jahre Zeit geben, und an diesem Punkt würde ich ziemlich paranoid werden.“ Krishna ergänzte, dass Quantencomputing die Erträge von IBM ab 2028 oder 2029 spürbar beeinflussen dürfte. Vier Tage später erklärte Cramer im Fernsehen: „Ich werde meine Bitcoin verkaufen.“ Ob er diesen Verkauf tatsächlich vollzogen hat, ist nicht bestätigt. Cramer hat weder eine Bitcoin-Adresse veröffentlicht noch die Größe seiner Position offengelegt.
Der „Inverse Cramer“-Handel und seine reale Bilanz
Viele Trader behandeln Cramers Empfehlungen als umgekehrtes Signal. Dieser Reflex hat eine dokumentierte Geschichte, die jedoch ernüchternd ist. Das Investmenthaus Tuttle Capital listete am 1. März 2023 einen sogenannten Inverse Cramer Tracker ETF. Der dazugehörige Long-Fonds schloss bereits im September 2023. Der Short-Fonds wurde letztmals am 13. Februar 2024 gehandelt. Über seine gesamte Laufzeit verlor der Inverse-Fonds 15,7 Prozent, während der S&P 500 im gleichen Zeitraum 25,4 Prozent zulegte.
Eine akademische Studie aus dem Jahr 2012, veröffentlicht im Fachjournal Management Science, untersuchte 826 erstmalige Kaufempfehlungen und stellte fest, dass die empfohlenen Werte über Nacht im Schnitt um 2,4 Prozent steigen, diese Gewinne aber innerhalb von etwa zwölf Handelstagen vollständig wieder abgeben. Über die folgenden 50 Tage entstand ein annualisiertes negatives Alpha von rund 10 Prozent. Die eigentliche Strategie liegt demnach im Ausnutzen kurzfristiger Übertreibungen, nicht im dauerhaften Konträr-Handeln gegenüber Cramers Meinungen. Am Leben hält den Witz vor allem Cramers Krypto-Vergangenheit: Am 23. Dezember 2022 zweifelte er öffentlich an Bitcoin, als der Kurs bei 16.796 US-Dollar schloss.
Wie weit ist die Quantentechnik wirklich?
Die technische Grundlage der Warnung ist real, geht aber weit über das hinaus, was aktuelle Systeme leisten können. Am 30. Juli führten IBM und Wissenschaftler der University of Chicago einen Schaltkreis mit 70 logischen Qubits in etwa 16 Minuten aus. Dabei wurden 468 sogenannte T-Gates verwendet, besonders aufwendige Operationen. Bewiesen wurde damit lediglich eine statistische Untergrenze der Ausführungsgenauigkeit, kein praktischer Angriff.
Um den elliptischen Algorithmus secp256k1, der Bitcoin-Schlüssel sichert, tatsächlich zu brechen, bräuchte man laut einer Schätzung von Google Quantum AI, der Stanford University und der Ethereum Foundation zwischen 1.200 und 1.450 logische Qubits sowie 70 bis 90 Millionen sogenannte Toffoli-Gates. Das entspricht etwa der zwanzigfachen Qubit-Zahl des IBM-Experiments und einer um fünf Größenordnungen höheren Zahl an aufwendigen Operationen. Das US-amerikanische Normungsinstitut NIST plant zudem, 128-Bit-Kurven wie die von Bitcoin nach 2035 nicht mehr zuzulassen. Hongkong hat seinen Banken eine Quantum-Frist bis 2030 gesetzt.
Offene Fragen zur Verwundbarkeit von Bitcoin
Ein Teil des Risikos ist bereits heute sichtbar. Der Entwurf BIP-361, verfasst von Jameson Lopp und fünf Mitautoren, hält fest, dass bis zum 1. März 2026 mehr als 34 Prozent aller Bitcoin ihren öffentlichen Schlüssel on-chain preisgegeben haben. Diese Coins wären bei ausreichend leistungsfähigen Quantencomputern angreifbar. Cramer hat eine reale Schwachstelle benannt, jedoch mit einem Zeitrahmen verknüpft, den keine veröffentlichte Forschungsschätzung stützt. Ob er seine Bitcoin überhaupt verkauft hat, bleibt unterdessen die einzige Frage, die niemand überprüfen kann.