Bitcoin steht zum Ende des Monats erneut an einem entscheidenden Punkt. Während die Kryptowährung mit einem Minus von rund 18,5 Prozent auf den schwächsten Monatsverlust seit Mitte 2022 zusteuert, verdichten sich gleichzeitig die Hinweise auf eine mögliche Stabilisierung. Technische Indikatoren senden erste Erholungssignale, saisonale Muster sprechen für einen freundlicheren Juli – gleichzeitig ziehen institutionelle Investoren jedoch weiterhin Milliarden aus den US-Spot-Bitcoin-ETFs ab. Der Markt wird damit derzeit von zwei gegenläufigen Kräften geprägt.
Institutionelle Verkäufe belasten den Markt weiterhin
Der wohl wichtigste Belastungsfaktor bleibt die Entwicklung der US-Spot-Bitcoin-ETFs. Nach Daten von SoSoValue verzeichneten die Fonds im Juni Nettoabflüsse von rund 4,06 Milliarden Dollar. Damit handelt es sich um den höchsten monatlichen Kapitalabzug seit Einführung der Spot-ETFs Anfang 2024. Selbst der bisherige Rekord aus dem Februar 2025 wurde deutlich übertroffen.
Besonders dynamisch verliefen die Verkäufe in der letzten Juniwoche. Allein zwischen dem 22. und 26. Juni flossen rund 1,79 Milliarden Dollar aus den Produkten ab. Den größten Anteil daran hatte BlackRocks iShares Bitcoin Trust (IBIT), auf den rund drei Viertel aller Juni-Abflüsse entfielen. Allein in den letzten Handelstagen des Monats wurden dort Positionen im Umfang von etwa 1,3 Milliarden Dollar zurückgegeben.
Diese Entwicklung ist bemerkenswert, weil Spot-ETFs in den vergangenen zwei Jahren als wichtigster institutioneller Nachfragekanal für Bitcoin galten. Die aktuellen Zahlen zeigen nun das Gegenteil: Institutionelle Investoren nutzen die Erholung bislang nicht für Zukäufe, sondern reduzieren ihre Positionen weiter.
Glassnode-Mitgründer Rafael Schultze-Kraft weist darauf hin, dass die ETF-Abflüsse inzwischen sogar den natürlichen Angebotsüberhang verstärken. Seinen Berechnungen zufolge wurden innerhalb eines Monats rund 71.600 Bitcoin über ETFs verkauft. Gleichzeitig akkumulierten klassische Langfrist-Investoren lediglich rund 7.500 Bitcoin. Rechnet man die neu geschürften Coins hinzu, ergibt sich ein negativer Nettofluss von rund 77.000 Bitcoin. Die institutionelle Nachfrage absorbiert das Angebot derzeit also nicht mehr, sondern erhöht den Verkaufsdruck zusätzlich.
Auch bei Ethereum bleibt die Stimmung verhalten. Die Spot-Ethereum-ETFs verzeichneten bereits die siebte Woche in Folge Kapitalabflüsse. Gleichzeitig zeigen neuere Produkte jedoch, dass institutionelles Interesse am Kryptomarkt keineswegs vollständig verschwunden ist. So konnten Spot-XRP-ETFs sowie die erst kürzlich gestarteten HYPE-ETFs frische Mittel einsammeln. Das deutet darauf hin, dass derzeit eher eine sektorinterne Umschichtung stattfindet als ein vollständiger Rückzug institutioneller Anleger aus digitalen Vermögenswerten.
Technische Signale senden erstmals Hoffnung
Trotz der schwachen Kapitalflüsse mehren sich auf der technischen Seite Hinweise darauf, dass Bitcoin eine Bodenbildungsphase durchlaufen könnte. Besonders im Fokus steht derzeit der Relative-Stärke-Index (RSI), der auf mehreren Zeitebenen bullische Divergenzen ausgebildet hat.
Auf dem Vier-Stunden-Chart bildet der RSI höhere Tiefs, obwohl der Bitcoin-Kurs zwischenzeitlich nochmals tiefere Tiefstände markierte. Dieses Muster gilt in der technischen Analyse als klassisches Umkehrsignal, da es auf eine nachlassende Verkaufsdynamik hindeutet.
Mehrere Analysten ziehen inzwischen Parallelen zum Ende des Bärenmarktes im Jahr 2022. Damals entwickelte sich auf Wochenbasis eine ähnliche RSI-Divergenz unmittelbar vor dem endgültigen Tief bei rund 15.600 Dollar. Auch der zuletzt extrem niedrige RSI-Wert von lediglich 11,4 Punkten auf dem Vier-Stunden-Chart gehört zu den niedrigsten jemals gemessenen Werten und unterstreicht den außergewöhnlich überverkauften Zustand des Marktes.
Hinzu kommt, dass der Bereich um 60.000 Dollar bislang mehrfach erfolgreich verteidigt werden konnte. Marktbeobachter sehen darin einen Hinweis darauf, dass auf diesem Preisniveau zunehmend Kaufinteresse entsteht. Zwar ist damit noch keine Trendwende bestätigt, die Stabilisierung fällt jedoch in eine Phase, in der die Marktstimmung außergewöhnlich pessimistisch geworden ist.
Juli könnte saisonal Rückenwind bringen
Neben den technischen Faktoren sprechen auch historische Daten für eine mögliche Entspannung. Seit 2013 gehört der Juli zu den stärkeren Monaten für Bitcoin. Im Durchschnitt legte die Kryptowährung in diesem Zeitraum um rund 7,6 Prozent zu, nachdem der Juni historisch häufig schwach verlief.
Bemerkenswert ist dabei, dass diese Stärke selbst während früherer Bärenmärkte zu beobachten war. Im Juli 2018 gewann Bitcoin mehr als 20 Prozent, im Juli 2022 legte der Kurs trotz des damaligen Bärenmarktes rund 17 Prozent zu. Auch in den vergangenen beiden Jahren entwickelte sich der Juli positiv.
Zusätzliche Unterstützung liefert die saisonale Betrachtung von US-Midterm-Wahljahren. In diesen Jahren erzielte Bitcoin im Juli historisch sogar durchschnittliche Zugewinne von rund 10 Prozent und entwickelte sich damit besser als in jedem anderen Monat des Zyklus. Viele Analysten sehen darin zumindest die Möglichkeit einer kurzfristigen Gegenbewegung nach dem massiven Ausverkauf der vergangenen Wochen.
Auch die aktuelle Liquiditätsstruktur spricht aus Sicht einiger Marktbeobachter für ein solches Szenario. Auf den Binance-Futures liegt oberhalb des aktuellen Kursniveaus eine außergewöhnlich große Konzentration gehebelter Short-Positionen. Rund um 67.600 Dollar befindet sich eine der größten sogenannten Liquiditätszonen des Marktes. Sollte Bitcoin diesen Bereich erreichen, müssten zahlreiche Short-Trader ihre Positionen eindecken. Die dadurch entstehenden Zwangskäufe könnten eine zusätzliche Aufwärtsdynamik auslösen und einen klassischen Short Squeeze begünstigen.
Langfristiger Trend bleibt jedoch angeschlagen
Trotz der ersten positiven Signale bleibt die übergeordnete Chartstruktur angespannt. Bitcoin notiert weiterhin unter wichtigen langfristigen Durchschnittslinien. Insbesondere der Verlust der 200-Wochen-Linie wird von vielen Charttechnikern kritisch bewertet. Bereits im Bärenmarkt 2022 leitete der Bruch dieser Unterstützung eine weitere Verkaufswelle ein, bevor letztlich der endgültige Boden gefunden wurde.
Auch Analyst Rekt Capital sieht derzeit auffällige Parallelen zum damaligen Zyklus. Nach seiner Einschätzung dürfte Bitcoin den Juni unterhalb des 50-Monats-EMA abschließen und diesen langfristigen Durchschnitt im Juli zunächst als Widerstand bestätigen. Eine kurzfristige Erholung hält er zwar durchaus für möglich, erwartet jedoch, dass sich die Marktschwäche im weiteren Verlauf des Sommers nochmals bemerkbar machen könnte. Auch andere Analysten schließen einen erneuten Test tieferer Unterstützungszonen nicht aus.
Diese vorsichtigen Einschätzungen verdeutlichen, dass technische Erholungssignale derzeit noch gegen einen klar negativen makroökonomischen und institutionellen Hintergrund arbeiten müssen. Solange sich die ETF-Abflüsse nicht stabilisieren und institutionelle Investoren wieder als Käufer auftreten, bleibt jede Erholung anfällig für Rückschläge.
Strategy reagiert auf Kritik mit neuem Liquiditätskonzept
Parallel zur Marktentwicklung sorgt auch Strategy erneut für Aufmerksamkeit. Das Unternehmen von Michael Saylor kündigte diesmal jedoch keinen weiteren Bitcoin-Kauf an, sondern stellte ein neues Finanzierungskonzept vor. Mit dem sogenannten Digital Credit Capital Framework will das Unternehmen seine Liquidität stärken und gleichzeitig die langfristige Bitcoin-Strategie absichern.
Kern der Maßnahmen ist eine auf 2,55 Milliarden Dollar ausgebaute Dollar-Reserve, die ausschließlich zur Finanzierung von Dividenden und Zinszahlungen dienen soll. Zusätzlich führt Strategy ein Bitcoin-Monetarisierungsprogramm ein, das unter bestimmten Bedingungen den Verkauf kleiner Teile des Bitcoin-Bestands erlaubt, um Liquiditätsreserven aufzustocken oder Finanzierungsinstrumente zurückzukaufen.
Die Ankündigung ist vor dem Hintergrund der zuletzt deutlich lauter gewordenen Kritik an Strategy zu sehen. Marktteilnehmer hatten wiederholt davor gewarnt, dass das Unternehmen langfristig größere Bitcoin-Verkäufe vornehmen müsse, um seinen Kapitaldienst aufrechterhalten zu können. Mit dem neuen Konzept versucht Strategy offensichtlich, genau diese Sorgen zu adressieren und die eigene Finanzierungsstruktur robuster aufzustellen, ohne die grundsätzliche Bitcoin-Strategie infrage zu stellen.
Redaktionelle Einordnung
Aus Sicht von Decentralist zeigt sich derzeit ein ungewöhnlich widersprüchliches Marktbild. Auf der einen Seite verschlechtern sich die fundamentalen Nachfrageindikatoren kurzfristig deutlich. Rekordabflüsse aus den Spot-Bitcoin-ETFs sprechen dafür, dass institutionelle Investoren ihre Risikopositionen weiterhin abbauen und bislang keine Bereitschaft erkennen lassen, den jüngsten Kursrückgang offensiv zu kaufen. Diese Entwicklung dürfte kurzfristig mehr Einfluss auf den Markt haben als einzelne technische Kaufsignale.
Gleichzeitig fällt jedoch auf, dass Bitcoin trotz dieses außergewöhnlich hohen Verkaufsdrucks die Marke von 60.000 Dollar bislang mehrfach verteidigen konnte. Historisch entstanden bedeutende Bodenbildungsphasen häufig genau dann, wenn fundamentale Nachrichten weiterhin negativ blieben, sich der Verkaufsdruck im Kursverlauf jedoch zunehmend erschöpfte. Die aktuellen RSI-Divergenzen und die saisonal starke Juli-Statistik sollten deshalb nicht isoliert betrachtet werden, liefern aber erste Hinweise darauf, dass sich das Kräfteverhältnis zwischen Käufern und Verkäufern langsam verändern könnte.
Ausblick
Für die kommenden Wochen dürfte vor allem entscheidend sein, ob sich die Kapitalabflüsse aus den US-Spot-Bitcoin-ETFs abschwächen und Bitcoin wichtige langfristige Durchschnittslinien zurückerobern kann. Ebenso werden Marktteilnehmer beobachten, ob die Unterstützungszone um 60.000 Dollar weiterhin Bestand hat oder erneut unter Druck gerät. Erst wenn sich technische Stabilisierung und eine Verbesserung der institutionellen Kapitalflüsse gleichzeitig zeigen, dürfte sich auch das mittelfristige Marktbild nachhaltig aufhellen.