In der Kryptowelt gibt es derzeit kaum ein Thema, das so große Erwartungen weckt wie die Verlagerung der Finanzmärkte auf die Blockchain. Tokenisierung heißt das Schlagwort, und inzwischen mischen nahezu alle großen Banken und Vermögensverwalter mit.
Dennoch ist der Markt noch erstaunlich klein. Und unter der Oberfläche liegt ein Großteil des Kapitals schlicht brach.
Was genau bedeutet Tokenisierung?
Tokenisierung bedeutet, Eigentum als digitalen Token auf einer Blockchain abzubilden. Das kann eine Staatsanleihe sein, ein Goldbarren oder ein Anteil an einem Unternehmen. Der Token dient als Eigentumsnachweis und wechselt den Besitzer ähnlich wie ein Coin, etwa Bitcoin (BTC).
Der Unterschied zum bisherigen System liegt in der Reibung. Eine Aktienorder läuft heute noch über Depotbanken, Clearinghäuser und Abwicklungszyklen, die mehrere Tage dauern können.
Ein Token wandert innerhalb von Sekunden in eine andere Wallet, auch am Sonntagabend. Genau darin liegt das Versprechen: programmierbares Eigentum.
Von 10 auf 37 Milliarden Dollar in anderthalb Jahren
Der Tokenisierungsmarkt umfasst inzwischen frei handelbare Vermögenswerte im Wert von 36,89 Milliarden Dollar, wie Daten von RWA.xyz zeigen. Allein in diesem Monat kamen 4 Prozent hinzu.
Zu Jahresbeginn lag der Wert noch bei 25 Milliarden Dollar. In sieben Monaten ist der Markt damit um 48 Prozent gewachsen.
Am 1. Januar 2025 waren es sogar erst 10 Milliarden Dollar. Binnen anderthalb Jahren hat sich das Volumen damit nahezu vervierfacht.
Die Zahl der Halter liegt mittlerweile bei 1,346 Millionen. Das sind gut 37 Prozent mehr als vor einem Monat.
US-Staatsanleihen stellen mit 16,20 Milliarden Dollar den mit Abstand größten Bereich der Tokenisierung. Das entspricht fast 44 Prozent des gesamten Marktes.
Dahinter folgen Kreditprodukte mit 7 Milliarden Dollar und Rohstoffe mit 4,59 Milliarden Dollar. Letztere Kategorie ist in der Praxis vor allem ein Goldmarkt, denn Tether Gold und Paxos Gold machen sie fast vollständig aus. Aktien und Immobilien spielen bislang nur eine Nebenrolle, auch wenn dieser Markt inzwischen rasant wächst. Das Kryptoprojekt Ondo ist bei der Tokenisierung von Aktien mit Abstand führend.
Ethereum (ETH) bleibt mit 17,2 Milliarden Dollar die zentrale Plattform für Tokenisierung und kommt damit auf rund die Hälfte des gesamten Volumens. BNB Chain, Solana (SOL), Stellar und Avalanche teilen sich den Rest.
Diese Schwergewichte sind bereits dabei
Der bekannteste Name ist BlackRock. Der Vermögensverwalter hält über seinen Fonds BUIDL US-Staatsanleihen im Wert von 2,61 Milliarden Dollar auf der Blockchain. Konzernchef Larry Fink gilt als entschiedener Befürworter der Tokenisierung und will auch seine iShares-ETFs auf die Blockchain bringen.
Franklin Templeton verfolgt mit BENJI einen ähnlichen Ansatz. Es war der erste in den USA registrierte Geldmarktfonds, dessen Verwaltung über eine Blockchain läuft.
Unter den Banken liegt JPMorgan vorn. Über die Plattform Kinexys laufen täglich tokenisierte Zahlungen von mehr als 5 Milliarden Dollar. Citi kommt auf knapp 1 Milliarde Dollar pro Tag.
Dann gibt es noch die wirklich zentrale Infrastruktur. Der Verwahr- und Abwicklungsriese DTCC, über den praktisch der gesamte US-Aktienmarkt läuft, verarbeitete am 15. Juli die ersten echten Transaktionen mit tokenisierten Wertpapieren. Mehr als 30 Parteien waren beteiligt.
Das unterscheidet sich von dem, was Kryptoanbieter wie Ondo machen. Sie kaufen eine Aktie und geben darauf einen eigenen Token aus. Rechtlich ist das ein separates Produkt ohne Stimmrecht.
Bei DTCC ist der Token hingegen die Aktie selbst, mit demselben Tickersymbol und denselben Rechten. JPMorgan nutzte solche tokenisierten Wertpapiere bereits als Sicherheit bei der Börsengesellschaft CME.
Mehr als 30 Parteien waren beteiligt, darunter Goldman Sachs, Vanguard und Citadel Securities. Der vollständige Start ist für Oktober geplant.
Auch Nasdaq erhielt in diesem Frühjahr von der Securities and Exchange Commission (SEC) die Genehmigung für die Tokenisierung von Aktien. Bei SWIFT, dem Nachrichtennetzwerk der Bankenwelt, stehen 17 Banken für erste Tests bereit.
Ein Großteil der Tokenisierung ist klassische Digitalisierung
Genau hier liegt der Knackpunkt. RWA.xyz trennt den Markt in zwei Kennzahlen: 36,89 Milliarden Dollar an tatsächlich frei handelbaren Vermögenswerten und 379,60 Milliarden Dollar an Vermögen, das lediglich auf einer Blockchain registriert ist.
Der zweite Wert ist mehr als zehnmal so groß. Bei diesen Produkten dient die Blockchain vor allem als günstigere Verwaltungsinfrastruktur, denn die Emittenten wollen gar nicht, dass sie frei zirkulieren.
Eine Untersuchung des Risikokapitalgebers a16z crypto zeigt beim Einsatz ein ähnliches Bild. Von den tokenisierten Anleihen werden nur rund 5 Prozent in DeFi genutzt.
Gerade dort liegt jedoch der eigentliche Effizienzgewinn der Tokenisierung: Sicherheiten, die in Minuten statt an einem Tag übertragen werden und auch am Wochenende weiter nutzbar bleiben.
DTCC bezeichnet genau das selbst als Killer-App. Allerdings dürfen die Token der eigenen Tokenisierungsplattform den Kreis der zugelassenen Parteien nicht verlassen. Für große Institutionen reicht diese Geschwindigkeit bereits aus, denn sie hinterlegen Sicherheiten bei einer Börse oder einer anderen Bank, also ohnehin bei etablierten Großakteuren.
Die Frage ist nur, ob Tokenisierung ohne offenen Zugang noch eine Krypto-Erzählung ist oder schlicht eine schnellere Wall Street.
Kleinere Segmente zeigen, dass es anders geht. Bei Rückversicherungstokens liegen 84 Prozent des Angebots in DeFi.
Die großen regulierten Produkte sind dagegen vor allem als Parkplatz für ungenutztes Kapital konstruiert. BlackRock verlangt bei BUIDL eine Mindestanlage von 5 Millionen Dollar, entsprechend liegt der Token lediglich auf 113 Adressen.
Wo solche Token tatsächlich als Sicherheit dienen, etwa auf Börsen wie Binance und Deribit, geschieht das auf Basis individueller Vereinbarungen mit den jeweiligen Parteien. Von freier Nutzung kann keine Rede sein.
Die Prognosen gehen derweil weit auseinander. McKinsey rechnet für 2030 mit 2 bis 4 Billionen Dollar, Ark Invest setzt auf 11 Billionen Dollar, und Standard Chartered sieht bis 2034 ein Volumen von mehr als 30 Billionen Dollar.
Bleibt Tokenisierung jedoch bei der bloßen Registrierung stehen, wäre das hundertfache Wachstum vor allem eine Rechengröße auf dem Papier.