Der aktuelle Krypto-Winter ist ein anderer als seine Vorgänger. Altcoins haben teilweise 80 bis 90 Prozent verloren, allein Bitcoin hält sich einigermaßen. In früheren Zyklen wäre das kein Grund zur Sorge gewesen. Denn immer galt: Wenn die Euphorie weicht, wird gebaut. Diese Gleichung scheint allerdings im Jahr 2026 nicht mehr aufzugehen.
Berthold Baurek-Karlic, CEO von Venionaire Capital, formuliert es am Rande des World Venture Forums in Kitzbühel gegenüber $BTC-ECHO unmissverständlich. “In der Vergangenheit war es immer so: Wenn der Markt keine große Euphorie zeigte, hieß es Build. Die Teams waren entspannt und haben angefangen, ihre Protokolle weiterzuentwickeln”, so der Wiener Venture-Investor. Nur: Diesmal fehlen die Bauarbeiter.
KI zieht die besten Krypto-Entwickler ab
Der Talentmarkt hat sich innerhalb weniger Monate gedreht. Die stärksten Programmierer landen nicht mehr bei Ethereum-Rollups, Solana-Protokollen oder DeFi-Startups. Sie unterschreiben bei OpenAI, Anthropic und einer Handvoll KI-Labs, die Gehälter zahlen, gegen die selbst gut finanzierte Krypto-Projekte nicht anschreiben können.
“Wir haben ein Riesenproblem, weil die besten Talente auf der Programmiererseite gerade in KI-Projekte abgezogen werden”, sagt Baurek-Karlic. “Unglaublich hohe Saläre, ein Thema, das gerade schick ist – da surft man auf der Hypewelle mit.”
Die Folge trifft ausgerechnet die Protokolle, die den Winter zum Weiterbauen bräuchten. “Auch den guten Protokollen kommen die Entwickler abhanden”, so der Venionaire-Chef. Gleichzeitig werde das Fundraising härter. Wer heute einen Web3-Fonds auflegen wolle, kämpfe an zwei Fronten: gegen ein miserables Sentiment auf der Kapitalseite und gegen einen Talentmarkt, der ihn strukturell benachteiligt.
Venionaire setzt auf die Index-Welt
Parallel zu dieser Marktdiagnose zieht Venionaire eine strategische Konsequenz, die unabhängig vom Winter greift. Der Wiener VC schließt seinen Web3-Fonds. “Wir sind gerade dabei, unseren Venionaire-Web3-Fonds zu schließen”, so der CEO. Der aktive Krypto-Fonds werde abgedreht.
Der Grund dafür ist nicht primär der Bärenmarkt, sondern eine Kombination aus Effizienz, Kosten und regulatorischem Aufwand. “Wir gehen komplett auf die Index-Welt. Aktiv gemanagt macht ein Krypto-Portfolio heute schlicht keinen Sinn mehr”, erklärt Baurek-Karlic. “So arbeitet man kostenschonender – und das ist für den Investor am Ende das bessere Ergebnis.”
Die Bewegung großer TradFi-Häuser in Richtung passiver Krypto-Indizes ist bekannt. Neu ist, dass ein spezialisierter Web3-Investor selbst diesen Schritt geht und die Kostenstruktur eines aktiv gemanagten Krypto-Fonds offen als “regulatorisch furchtbar” bezeichnet. Wer den regulatorischen Rahmen erfülle, so Baurek-Karlic, müsse diese Kostenstruktur “mitschleppen”. Und genau das rechne sich für den Kunden am Ende nicht mehr.
Krypto-Markt: “Ich glaube, wir werden einen starken Boost erleben”
Baurek-Karlic schreibt Krypto aber nicht ab. Vielmehr verlagern sich nur die alten Krypto-Investment-Vehikel: weg vom aktiven Fonds, hin zu Indexprodukten und gezielten Beteiligungen an der Schnittstelle von Blockchain und KI. “Wir sind überzeugt, dass wir dem Kunden mit niedrigen Kosten helfen können und Strategien heute ausreichend gut in einem Index abbilden – etwas, das früher schlicht nicht möglich war.”
Auch die Diagnose zum Gesamtmarkt fällt differenzierter aus, als der Talentabfluss vermuten lässt. “Ich glaube, wir werden einen starken Boost erleben, ausgelöst durch die Implementierung von Krypto in die traditionelle Finanzwelt”, so Baurek-Karlic. “24/7-Settlement-Layer, KYC on Chain, SWIFT hat eine Blockchain-basierte Lösung angekündigt. Das rückt in die Infrastruktur des etablierten Kapitalmarkts hinein.” Der Katalysator kommt also nicht aus Silicon Valley. Er kommt aus den Rechenzentren von BlackRock, SWIFT und Mastercard.