Das zentrale Ergebnis der Untersuchung: Je nach Berechnungsmethode können Schätzungen des Bitcoin-Onchain-Transfervolumens um bis zu das Sechsfache voneinander abweichen, wie aus der Studie hervorgeht. Ursache ist die UTXO-Struktur von Bitcoin: Wer Bitcoin ausgibt, überträgt häufig nicht den vollständigen Betrag eines zuvor erhaltenen Outputs, der Rest fließt als Wechselgeld an den Absender zurück. Je nach Berechnungsmethode kann dieser Rückfluss dennoch als zusätzlicher Output in das Transfervolumen einfließen, obwohl kein Geld an eine andere Partei übertragen wurde.
Wechselgeld und Lost Coins verzerren Marktkapitalisierung
Auch bei der Marktkapitalisierung zeigen sich laut der Studie erhebliche Unterschiede. Die konventionelle Berechnung lag zeitweise bis zu viermal höher als die sogenannte "Realized Capitalization", bei der jeder Bitcoin mit dem Kurs bewertet wird, zu dem er bei seiner letzten Bewegung bewertet wird. Zusätzlich verzerren nach Einschätzung der Forscher sogenannte "Lost Coins" das Bild: Rund 1,8 Millionen Bitcoin wurden seit mehr als 15 Jahren nicht bewegt, allein über eine Million davon werden dem Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto zugeschrieben. Die Autoren werten sie als wahrscheinlich verloren und zeigen, wie stark die Marktkapitalisierung sinkt, wenn man sie herausrechnet.
Die BIS-Forscher bezeichnen Onchain-Indikatoren generell als unpräzise. Kennzahlen wie Transaktionsvolumen, Marktkapitalisierung und Total Value Locked vermittelten häufig einen Grad an Genauigkeit, den die zugrunde liegenden Daten nicht hergäben, heißt es in dem Papier. Die Indikatoren seien unpräzise Näherungswerte und nicht als direkte Messgrößen wirtschaftlicher Aktivität zu verstehen.
Auch Ethereum und Tron betroffen
Ergänzend zu den Bitcoin-Ergebnissen weisen die Autoren darauf hin, dass vergleichbare Messprobleme auch bei Ethereum und Tron auftreten. Bei Ethereum erschwert vor allem die große Zahl unterschiedlicher "Smart Contracts" die Auswertung: Von rund 67,5 Millionen untersuchten aktiven "Smart Contracts" konnten die Forscher etwa 54 Millionen anhand der in der Studie verwendeten Kategorien nicht klassifizieren. Auch Stablecoin-Daten lassen sich laut der Untersuchung nicht ohne Weiteres über verschiedene Blockchains hinweg vergleichen.
So war $USDT auf Ethereum stärker mit DeFi-Aktivitäten verbunden, auf Tron dagegen eher mit zahlungsähnlichen Anwendungen und der Nutzung als Wertspeicher. Im Jahr 2022 lagen mehr als 20 Prozent der $USDT auf Ethereum in Smart Contracts, bei Tron waren es rund ein Prozent. Die Autoren übertragen ihre Kritik auch auf DeFi-Ökosysteme, für die sie datenbegrenzte Messansätze mit expliziten Annahmen und technischer Klassifikation vorschlagen. Statt einzelner Punktwerte empfehlen die Autoren daher Bandbreiten mit offengelegten Annahmen sowie eine technische Klassifikation von Smart Contracts und Transaktionen.
Was die Studie für Krypto-Anleger bedeutet
Für Anleger heißt das vor allem: Onchain-Kennzahlen sind Orientierungshilfen, keine exakten Messwerte. Wer Kennzahlen wie das Transfervolumen oder das Verhältnis von Marktkapitalisierung zu Realized Cap (MVRV) für Kauf- oder Verkaufsentscheidungen nutzt, sollte wissen, dass die Werte stark von der Berechnungsmethode des jeweiligen Datenanbieters abhängen. Sinnvoller als einzelne Zahlen ist der Blick auf Trends und der Vergleich mehrerer Quellen. Auch bei der Marktkapitalisierung lohnt ein zweiter Blick: Rechnet man wahrscheinlich verlorene Coins heraus, ist das tatsächlich verfügbare Bitcoin-Angebot kleiner, als die Standardberechnung nahelegt. Eine verlässliche Grundlage für Kursprognosen liefern Onchain-Daten damit nur in Kombination mit anderen Faktoren.