Die Nachfrage nach Bitcoin-ETFs zieht zum Start in den August wieder deutlich an. Gleichzeitig mehren sich an der Wall Street jedoch die Warnungen vor einem zunehmend fragilen Marktumfeld. JPMorgan-Chef Jamie Dimon sieht die Verschuldung im Finanzsystem auf einem sehr hohen Niveau, während „Big Short“-Investor Michael Burry sogar vor einem möglichen Börsentop und einem Crash nach dem Vorbild von 1987 warnt.
Für Bitcoin ergibt sich daraus ein widersprüchliches Bild: Auf der einen Seite fließt wieder verstärkt institutionelles Kapital in den Markt. Auf der anderen Seite könnte ein plötzlicher Abbau gehebelter Positionen an den traditionellen Finanzmärkten auch Kryptowährungen erheblich unter Druck setzen.
Bitcoin-ETFs starten mit starken Zuflüssen in den August
Die in den USA gehandelten Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten am Mittwoch Nettozuflüsse von 244,4 Millionen Dollar. Damit summieren sich die Zuflüsse während der ersten drei positiven Handelstage im August bereits auf insgesamt 626 Millionen Dollar.
Besonders deutlich dominiert erneut BlackRock den Markt. Der iShares Bitcoin Trust ETF (IBIT) konnte während dieser drei Sitzungen rund 479 Millionen Dollar einsammeln. Damit entfielen mehr als drei Viertel der gesamten Nettozuflüsse auf BlackRocks Bitcoin-ETF.
Die kumulierten Nettozuflüsse in den IBIT nähern sich inzwischen der Marke von 61 Milliarden Dollar. Damit bleibt das Produkt der mit Abstand wichtigste institutionelle Zugang zum Bitcoin-Markt.
Parallel zu den ETF-Zuflüssen konnte sich auch der Bitcoin-Kurs leicht erholen. Am Mittwoch stieg die größte Kryptowährung zwischenzeitlich über 64.920 Dollar und bewegte sich anschließend weiterhin knapp unterhalb der Marke von 65.000 Dollar.
Bemerkenswert bleibt allerdings die schlechte Stimmung unter den Marktteilnehmern. Der Crypto Fear & Greed Index fiel auf 25 Punkte und befindet sich damit weiterhin im Bereich „Extreme Fear“.
Damit öffnet sich eine interessante Schere: Während das Sentiment weiterhin ausgesprochen pessimistisch ist, kehrt institutionelles Kapital über die ETFs zunehmend in den Markt zurück.
Auch Ethereum-ETFs wieder gefragt
Nicht nur Bitcoin profitiert derzeit von steigenden ETF-Zuflüssen.
US-amerikanische Spot-Ether-ETFs verbuchten am Mittwoch Nettozuflüsse von 60,9 Millionen Dollar. Es war bereits der zweite positive Handelstag in Folge. Über beide Sitzungen summierten sich die Zuflüsse auf 114,6 Millionen Dollar.
Bei XRP entwickelte sich das Bild dagegen schwächer. Die entsprechenden ETFs verzeichneten Nettoabflüsse von 3,58 Millionen Dollar. Das verwaltete Nettovermögen fiel dadurch auf rund 993 Millionen Dollar.
Die Entwicklung zeigt, dass sich die institutionelle Nachfrage innerhalb des Kryptomarktes zunehmend differenziert. Bitcoin und Ethereum ziehen derzeit wieder verstärkt Kapital an, während kleinere Krypto-Assets nicht im gleichen Umfang profitieren.
Jamie Dimon warnt vor hoher Verschuldung an den Märkten
Während die Kapitalzuflüsse in Risikoanlagen wieder steigen, warnt JPMorgan-Chef Jamie Dimon vor einem anderen Trend: dem zunehmenden Einsatz von Fremdkapital.
Die offiziell ausgewiesene Margin Debt befinde sich auf einem historischen Höchststand. Gleichzeitig sei die tatsächliche Verschuldung im Finanzsystem noch deutlich höher, da ein großer Teil des Leverage nicht unmittelbar als klassische Margin-Finanzierung ausgewiesen werde.
Dimon verwies unter anderem auf Finanzierungen über Prime Broker, Hedgefonds, ETFs und sogenannte Treasury-Basis-Trades.
Seine Einschätzung fällt eindeutig aus: Das Leverage im Markt sei derzeit sehr hoch.
Das allein müsse zwar noch keine Finanzkrise auslösen. Je größer jedoch die Verschuldung werde, desto höher sei die Gefahr, dass Verluste einzelner Marktteilnehmer plötzlich größere Verkaufswellen auslösen.
Margin Calls können eine Kettenreaktion auslösen
Das Problem hoher Verschuldung zeigt sich vor allem dann, wenn die Volatilität plötzlich steigt.
Banken und Clearinghäuser verlangen in einem solchen Umfeld üblicherweise zusätzliche Sicherheiten. Stark gehebelte Investoren müssen dann entweder weiteres Kapital bereitstellen oder Positionen verkaufen.
Dadurch kann eine klassische Deleveraging-Spirale entstehen: Kursverluste führen zu Margin Calls, diese wiederum zu Verkäufen, wodurch Kurse weiter fallen und zusätzliche Positionen unter Druck geraten.
Wie schnell dieser Mechanismus greifen kann, zeigte zuletzt der KI-orientierte Hedgefonds Situational Awareness. Nachdem gehebelte Technologie-Wetten gegen den Fonds liefen, führten Margin Calls dazu, dass große Teile des Aktienportfolios liquidiert werden mussten.
Dimon wertet den Fall bislang allerdings nicht als systemische Bedrohung. Die Märkte hätten den Zusammenbruch absorbieren können.
Entscheidend sei, dass hohe Verschuldung allein noch keine Finanzkrise bedeute. Auch 2008 sei nicht allein das Leverage das Kernproblem gewesen, sondern die enormen realen Verluste auf Hypotheken und deren Verteilung im gesamten Finanzsystem.
Michael Burry warnt vor einem möglichen Börsencrash
Noch deutlich pessimistischer fällt die Einschätzung von Michael Burry aus.
Der durch seine Wette gegen den US-Immobilienmarkt vor der Finanzkrise bekannt gewordene Investor hält es weiterhin für möglich, dass sich die Aktienmärkte in der Nähe eines großen Tops befinden.
Burry brachte sogar einen möglichen Einbruch nach dem Vorbild des Börsencrashs von 1987 ins Spiel.
Diese Warnung kommt ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem die US-Aktienmärkte neue Rekorde erreichen. Der S&P 500 stieg am Dienstag um 1,9 Prozent auf ein neues Rekordhoch. Der Nasdaq Composite legte sogar um 2,7 Prozent zu und gewann innerhalb der ersten beiden Handelstage der Woche fast fünf Prozent.
Burry hält es durchaus für möglich, dass die Rally zunächst weitergeht. Gerade neue Allzeithochs könnten zusätzliches Kapital in den Markt ziehen.
Genau darin sieht er allerdings auch ein Risiko.
Steigende Kurse erzeugen neues Leverage
Burry verweist auf einen selbstverstärkenden Mechanismus an den Finanzmärkten.
Steigen die Aktienkurse und fällt gleichzeitig die Volatilität, erhöhen sogenannte Volatility-Targeting-Strategien ihre Risikopositionen. Auch Momentum-Strategien bauen in einem solchen Umfeld häufig weiteres Exposure auf.
Teilweise geschieht dies mithilfe zusätzlichen Leverage.
Dadurch entsteht eine Rückkopplung:
Steigende Kurse führen zu sinkender Volatilität. Die niedrigere Volatilität erlaubt wiederum höhere Positionierungen. Diese zusätzliche Nachfrage treibt die Kurse weiter nach oben.
Solange der Trend funktioniert, kann die Rally dadurch deutlich länger laufen als fundamental gerechtfertigt.
Das Risiko entsteht bei einer plötzlichen Trendwende. Steigt die Volatilität abrupt, müssen genau jene Strategien ihre Positionen wieder reduzieren. Aus einem positiven Verstärkungseffekt kann dann innerhalb kurzer Zeit ein negativer werden.
Burry bleibt bei Tech-Aktien short
Trotz der jüngsten Rally hält Burry an seinen Short-Positionen fest.
Zu seinen bearishen Wetten gehören unter anderem der iShares Semiconductor ETF sowie Aktien von Micron, Nvidia, Caterpillar, Palantir, Tesla und Applied Materials.
Burry zählt seit Längerem zu den prominentesten Kritikern des KI-Booms. Er bezweifelt insbesondere, dass der massive Ausbau der KI-Infrastruktur und die dahinterstehenden Finanzierungsmodelle dauerhaft nachhaltig sind.
Bis auf seine Position gegen Nvidia lagen seine Short-Wetten nach eigenen Angaben zuletzt weiterhin im Gewinn.
Gleichzeitig betont Burry, dass er Positionen schließen würde, sollte sich der Markt nachhaltig gegen seine Einschätzung entwickeln.
Dimon sieht zusätzlich Inflationsrisiken
Neben den unmittelbaren Risiken durch hohe Verschuldung warnt Jamie Dimon auch vor strukturell höheren Inflations- und Zinsniveaus.
Mehrere Faktoren könnten den Kapitalbedarf in den kommenden Jahren dauerhaft erhöhen:
hohe staatliche Defizite, massive Infrastrukturinvestitionen und insbesondere die weltweite Aufrüstung.
Die zunehmende Remilitarisierung der Weltwirtschaft sei inflationär, so Dimon. Steigt der Kapitalbedarf von Staaten dauerhaft, könnten Investoren höhere Renditen verlangen, um langfristige Staatsanleihen zu halten.
Damit würde sich auch das Zinsumfeld für Risikoanlagen verschlechtern.
Gerade für hoch bewertete Technologieaktien und spekulative Assets könnte ein dauerhaft höheres Renditeniveau zum Problem werden.
Was bedeutet das für Bitcoin?
Für Bitcoin ergibt sich aktuell ein zweigeteiltes Marktbild.
Die ETF-Zuflüsse liefern ein deutlich positives Signal. Nach einer längeren Phase schwacher Nachfrage fließt wieder mehr institutionelles Kapital in Bitcoin. Gleichzeitig bleibt das Sentiment extrem pessimistisch – eine Kombination, die grundsätzlich Raum für weitere Erholung eröffnet.
Auf der anderen Seite entwickelt sich Bitcoin längst nicht mehr unabhängig von den globalen Finanzmärkten.
Sollten die Warnungen von Dimon und Burry zumindest teilweise zutreffen und ein größerer Deleveraging-Prozess einsetzen, dürfte sich Bitcoin diesem kurzfristig kaum entziehen können.
Ein plötzlicher Anstieg der Volatilität an den Aktien- und Anleihemärkten könnte Margin Calls auslösen und Investoren dazu zwingen, liquide Positionen zu verkaufen. Bitcoin gehört inzwischen ebenfalls zu den Assets, die in solchen Situationen schnell zur Liquiditätsbeschaffung genutzt werden können.
Die entscheidende Frage lautet deshalb derzeit nicht nur, ob die institutionelle Bitcoin-Nachfrage weiter zunimmt.
Ebenso wichtig ist, ob die aktuelle Rally an den globalen Finanzmärkten auf einem stabilen Fundament steht – oder ob steigende Kurse, fallende Volatilität und wachsendes Leverage gerade eine neue Verwundbarkeit aufbauen.
Für Bitcoin bleibt das Umfeld damit kurzfristig konstruktiver als noch vor wenigen Wochen. Gleichzeitig wächst jedoch das Risiko, dass ein externer Schock an den traditionellen Märkten auch den Kryptosektor erneut erfasst.