Bitcoin zeigt sich kurz vor der Zinsentscheidung der US-Notenbank weiter richtungslos. Während einige Marktteilnehmer bereits den Beginn einer nachhaltigen Erholung sehen, warnt ein bekannter Krypto-Analyst vor einem letzten massiven Ausverkauf. Gleichzeitig sorgen weltweit steigende Anleiherenditen und Unsicherheit über die Geldpolitik für zusätzlichen Gegenwind.
Der pseudonyme Krypto-Analyst NoName erwartet, dass der Bärenmarkt bei Bitcoin noch nicht beendet ist. Zwar habe sich die Kryptowährung zuletzt von ihren Tiefs erholt, doch der eigentliche Boden könnte seiner Einschätzung nach erst in einigen Wochen erreicht werden.
Analyst erwartet zunächst Erholung, anschließend letzten Ausverkauf
In einem aktuellen Beitrag auf X erklärt der Analyst, dass viele Anleger nach der jüngsten Erholung inzwischen nicht mehr mit deutlich niedrigeren Kursen rechnen. Genau dieses Stimmungsbild erinnere ihn jedoch an die Schlussphase des Bärenmarktes 2018.
Damals hätten zahlreiche Investoren die kurzfristige Erholung bereits als Beginn eines neuen Bullenmarktes interpretiert – unmittelbar bevor Bitcoin nochmals deutlich nachgab und erst anschließend seinen endgültigen Tiefpunkt ausbildete. Eine nahezu identische Marktpsychologie erkennt NoName nun erneut.
Als Begründung verweist der Analyst auf eine noch offene sogenannte Fair Value Gap (FVG) oberhalb des aktuellen Kursniveaus. Dabei handelt es sich um eine Kurslücke, die während einer schnellen Marktbewegung entstanden ist und nach Ansicht vieler Charttechniker häufig später wieder geschlossen wird.
NoName geht deshalb davon aus, dass Bitcoin zunächst noch einmal weiter steigen könnte, um diese Kurslücke zu schließen. Anschließend erwartet er jedoch einen erneuten starken Abverkauf, der den Kurs innerhalb weniger Tage oder spätestens nach ein bis drei Tagen in eine mehrwöchige Bodenbildungsphase führen könnte.
Sein langfristiges Kaufinteresse beginnt erst im Bereich zwischen 39.000 und 49.000 Dollar. Erst dort würde er seine bärische Haltung aufgeben.
Markt bleibt über den weiteren Verlauf gespalten
Nicht alle Marktteilnehmer teilen diese pessimistische Einschätzung. Die Wettplattform Kalshi sieht derzeit eine 55-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass Bitcoin zunächst auf 50.000 Dollar fällt, bevor die Marke von 100.000 Dollar wieder erreicht wird. Die Prognose zeigt, wie unsicher Investoren derzeit hinsichtlich des weiteren Kursverlaufs sind.
Andere Händler warnen dagegen davor, auf den perfekten Einstiegszeitpunkt zu warten. Der Trader KillaXBT erinnert an den Bärenmarkt 2022, als viele Anleger auf einen Rückgang bis 10.000 Dollar warteten – ein Kursniveau, das nie erreicht wurde. Rückblickend habe sich eine schrittweise Akkumulation häufig als erfolgreicher erwiesen als der Versuch, exakt das Tief zu treffen.
Bitcoin gerät vor Fed-Sitzung erneut unter Druck
Auch das aktuelle Marktumfeld spricht bislang nicht für eine klare Trendwende. Nachdem Bitcoin infolge der zwischenzeitlichen Entspannung im Nahost-Konflikt kurzzeitig wieder über 65.000 Dollar gestiegen war, fiel der Kurs vor der anstehenden Sitzung der US-Notenbank wieder in Richtung 63.000 Dollar zurück.
Auf Wochensicht verzeichnet Bitcoin damit ein Minus von rund drei Prozent. Im Monatsvergleich liegt die Kryptowährung zwar noch über fünf Prozent im Plus, notiert aber weiterhin rund 50 Prozent unter ihrem Rekordhoch von mehr als 126.000 Dollar aus dem Oktober 2025.
Weltweite Anleiherenditen steigen auf Mehrjahreshochs
Zusätzlichen Gegenwind erhält der Kryptomarkt derzeit vom globalen Anleihemarkt. Die durchschnittliche Rendite des Bloomberg Global Treasury Index ist auf 3,68 Prozent gestiegen und damit auf den höchsten Stand seit der Finanzkrise 2008.
Besonders deutlich fällt der Renditeanstieg in mehreren großen Volkswirtschaften aus. Die Renditen 30-jähriger US-Staatsanleihen bewegen sich auf dem höchsten Niveau seit 2007. Zehnjährige Bundesanleihen rentieren so hoch wie zuletzt 2011, während in Japan selbst langfristige Staatsanleihen neue Mehrjahreshochs erreichen.
Steigende Renditen bedeuten fallende Anleihekurse und erhöhen gleichzeitig den sogenannten risikofreien Zinssatz. Dadurch werden Staatsanleihen im Vergleich zu risikoreicheren Anlageklassen attraktiver, was häufig zulasten von Aktien und Kryptowährungen geht.
Zinserhöhung rückt wieder stärker in den Fokus
Auslöser für den Renditeanstieg sind vor allem robuste US-Konjunkturdaten. Nachdem viele Investoren noch vor wenigen Wochen auf baldige Zinssenkungen gesetzt hatten, wird inzwischen wieder über mögliche Zinserhöhungen diskutiert.
Der Markt sieht aktuell eine Wahrscheinlichkeit von rund einem Drittel, dass die US-Notenbank ihre Leitzinsen auf der laufenden Sitzung erneut anhebt. Zusätzlich sorgt Fed-Chef Kevin Warsh mit seiner deutlich zurückhaltenderen Kommunikation für zusätzliche Unsicherheit an den Finanzmärkten.
Sollte die Notenbank eine überraschend restriktive Haltung einnehmen, könnten die Renditen weiter steigen und damit zusätzlichen Druck auf Risikoanlagen wie Bitcoin ausüben.
Tom Lee bleibt trotz KI-Sorgen optimistisch
Während die Geldpolitik für Nervosität sorgt, richtet sich der Blick vieler Anleger auch auf die Entwicklung der KI-Branche. Der bekannte Marktstratege Tom Lee von Fundstrat sieht die derzeitigen Zweifel an der Nachhaltigkeit des KI-Booms allerdings nicht als Warnsignal.
Im Gegenteil: Gerade weil viele Investoren die hohen Investitionen der großen Technologiekonzerne kritisch hinterfragen, sei der Markt seiner Ansicht nach noch nicht in einer euphorischen Endphase angekommen. Historisch seien große Haussephasen häufig erst dann zu Ende gegangen, wenn kaum noch jemand ihre Nachhaltigkeit infrage gestellt habe.
Damit widerspricht Lee deutlich dem Investor Steve Eisman, der davor warnt, dass Kürzungen der KI-Investitionen durch große Cloud-Anbieter insbesondere Nvidia und den gesamten Aktienmarkt erheblich belasten könnten.
Geldpolitik dürfte den Takt vorgeben
Für Bitcoin richtet sich der Fokus nun vollständig auf die Entscheidungen der großen Zentralbanken. Neben der US-Notenbank stehen in dieser Woche auch geldpolitische Beschlüsse der Bank of Japan und der Bank of England an.
Ob Bitcoin seine zuletzt gezeigte Widerstandsfähigkeit behaupten kann oder die Warnungen vor einem weiteren Ausverkauf Realität werden, dürfte daher maßgeblich davon abhängen, welchen Kurs die Notenbanken in den kommenden Tagen einschlagen.