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Der „moralische Vorbehalt“ gegen Kryptowährungen

Analytik

bitcoinblog.de 23 Mai 2022 08:20, UTC
  
Lesezeit: ~5 Min.

Eine Kolumnistin der Financial Times (FT) behauptet, man solle beginnen, Kryptowährungen aus moralischen Gründen zu verurteilen. Sie seien kein harmloser Spaß mehr. Was sind ihre Argumente – und was ist an ihnen dran?

Die FT-Autorin Jemima Kelly ist sowieso keine Freundin von Kryptowährungen. Den Crash der Märkte der vergangenen Wochen nimmt sie nun zum Anlass, ein moralisches Argument gegen Bitcoin zu erheben.

„Wir sollten Krypto nicht nur nicht als ernstzunehmende Geldanlage betrachten; wir sollten auch damit aufhören, uns vorzumachen, dass es nur ein harmloser Spaß ist.“ Bitcoin sei schädlich, für die Einzelnen und für die Gesellschaft, und Autoren wie Kelly seien in der moralischen Pflicht, dies aufzuzeigen.

Aber warum? Woraus besteht Kellys moralisches Argument gegen Bitcoin und Krypto?

Ein Negativsummenspiel

Insgesamt geht es darum: Der Krypto-Markt sei ein „Negativsummenspiel“. Das ist noch schlimmer als ein Nullsummenspiel. Bei diesem ist der Gewinn des einen der Verlust des anderen. Ein Negativsummenspiel wie Krypto verursacht darüber hinaus noch „negative Externalitäten“, also negative Effekte für Dritte.

Ein Negativsummenspiel ist also ein Markt, bei dem der verursachte Schaden nicht nur den Nutzen auf-, sondern überwiegt. Ein klassisches Beispiel für ein Negativsummenspiel ist ein Krieg. In diesem ist der angerichtete Schaden viel größer als der Gewinn des Siegers.

Welche negativen Effekte erkennt Kelly also bei Bitcoin und Krypto?

Ökologisches und Soziales

Zunächst bemüht sie das übliche ökonomische Argument. Wir kennen das zur Genüge: Das Mining von Bitcoin und Krypto verbraucht so viel Strom wie eine mittelgroße Volkswirtschaft, wozu noch das Problem den Elektroabfällen in Form alter Miner komme. Bitcoin trägt zum Klimawandel bei, und wir können uns das nicht mehr leisten. Und so weiter.

Das nächste moralische Argument ist sozial: Crashes wie der von Luna und die zahlreichen Betrügereien im Krypto-Raum richteten verheerende Schäden an. Sie ruinierten Leute und führten zu Selbstmordversuchen.

Doch selbst ohne Crashes bleibe eine schädliche pyramidenartige Strukur von Krypto. „Das bedeutet, Early Adopters – denen es finanziell noch immer gut geht, Dankeschön – müssen fortlaufend neue Mitglieder rekrutieren, wofür sie falsche Versprechungen machen, dass Bitcoin die Zukunft des Geldes sei …“ Diese gierigen Early Adopter vertrauten darauf, dass die „größeren Dummköpfe“ ihre Lügen glaubten und verbreiteten.

Das sind also Kellys „moralische Argumente“ gegen Bitcoin. Ist an ihnen etwas dran?

Die alte Leier mit dem Stromverbrauch …

Das ökologische Argument sollte langsam abgelutscht sein. Wir haben darüber schon so oft geschrieben, und die Bitcoin-Community hat das Thema diskutiert, bis sie schwarz wurde.

Das Argument stürzt beispielsweise in sich zusammen, wenn man die CO2-Emissionen in Relation zur Marktkapitalisierung setzt und mit anderen Investments wie Aktien vergleicht. Kurz gesagt: Wie hoch ist die Klimabelastung je investiertem Dollar? Einer Studie zufolge schneidet Bitcoin hier sehr viel besser ab als eine durchschnittliche Aktie des S&P-Index.

Ein Dollar, der nicht mehr in Bitcoin investiert ist, löst sich nicht auf. Er landet vermutlich in einem anderen Finanzprodukt, und die Wahrscheinlichkeit, dass er hier keinen schwächeren, sondern einen tieferen CO2-Abdruck hinterlässt, ist groß. Andersherum sollte der Fußabdruck also schrumpfen, wenn ein Dollar von einer Durchschnittsaktie in Bitcoin übersiedelt.

Es gäbe an der Stelle noch viele weitere Argumente. Aber dieses eine reicht eigentlich schon aus. Wann hat Kelly zuletzt ein moralisch-ökologisches Argument gegen Aktien erhoben? Weshalb misst sie mit zweierlei Maß?

Eventuell findet man den Grund dafür im nächten Argument: dem Sozialen.

Gewinner und Verlierer

Der sozial-moralische Vorbehalt ist immerhin ein Stückchen besser. Zwar traf der Crash von Luna vor allem Altcoin-Spekulanten, teils auch Investmentfonds, und nur zu sehr geringen Teilen Anfänger oder naive Laien. Dennoch haben sicherlich viele Leute mehr Geld verloren, als sie sich leisten können, weil sie auf der Spitze der Blase – oder nahe an ihr – Geld in Bitcoin, Etheruem oder andere angeblich solide Kryptowährungen gesteckt haben.

Mit ein Grund dafür liegt mit Sicherheit im Übermaß an Begeisterung der Krypto-Szene. Es gab so viel Jubel, als der Kurs so hoch lag, und all die Leute mit ihren Laseraugen auf Twitter, all die Prognose, wie bald man bei 100.000 Dollar sein wird, und all die Anhänger bestimmter Kryptowährungen, die Stein auf Bein schwören, dass „ihr“ Coin das nächste große Ding wird — all das hat sicherlich dazu beigetragen, dass arglose Investoren Geld verloren haben, und all das sollte der Szene eigentlich zum Anlass werden, sich selbst zu reflektieren.

Womit wir beim letzten moralischen Argument von Kelly wären. Dies hat meiner Meinung nach noch am ehesten Gültigkeit: Die Struktur von Krypto ist pyramidenartig. Early Adopter werden unverhältnismäßig stark belohnt, und die Währungsreform, die Bitcoin faktisch ist, wird dadurch zu einer gewaltigen Umverteilung von Vermögen.

Man könnte einwenden, dass dies auch auf Aktien zutreffe, und dass dies unvermeidbar sei, wenn man ein dezentrales, staatenloses Geld erschafft. Aber das Problem an sich bleibt bestehen.

Bitcoiner sollten dies vor vor Augen halten

Natürlich sind Kellys Formulierungen extrem geladen. Die Early Adopter von Bitcoin versuchen nicht, „größere Dummköpfe“ einzulullen. Sie sind schlicht so begeistert von Bitcoin, dass sie wollen, dass andere daran teilhaben, auch wenn Kelly sich das schlecht vorstellen kann.

Dennoch bestehen teils massiv ungünstige Anreize. Anreize, die Bitcoiner und Anhänger anderer Kryptowährungen dazu verleiten, allzu optimistisch über ihre Lieblingswährung zu reden, und Kritik an dieser allzu schnell als „FUD“ von sich zu weisen. Zum Teil legen sie damit eine Verhaltensweise an den Tag, die nicht allzu weit von der von Vertrieblern pyramidenartiger Marketingsysteme entfernt ist. Und das ist ein Problem moralischer Natur.

Der Kritik von Kelly fehlt es insgesamt eher an Substanz. Doch ihr soziales Argument hat zumindest einen wahren Kern. Bitcoiner sollten dies vor Augen halten.


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